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Komponisten und Interpreten, Personen und Klangkörper alles, was nicht in eines der anderen Foren passt, und wo es um Komponisten, Werke, Orchester, Dirigenten und Ensembles geht.

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Alt 14.01.07, 11:53   #1 (permalink)
Holger Grintz
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Bruckner-Dirigenten und deren Attribute

Liebe Forianer,

ich lese immer wieder in Kritiken "... Dirigent so und so führte einen Modernen Bruckner auf..." oder "...Dirigent xyz brachte einen intellektuellen Bruckner rüber..."

Ich selber kann mit solchen Einstufungen wenig anfangen, würde aber auch gerne dahin kommen, so ein Urteil fällen zu können.

Oft gelesen habe ich:

Nagano: "modern"
Celi: "weihevoll"
Karajan: "effektvoll"
Wand: "sachlich"
Kegel: "intellektuell"
Haitink: "spirituell"

etc. etc.

Wenn Ihr mit einem Wort die Sichtweise eines Dirigenten beschreiben müsstet, auf Bruckner bezogen, welches Adjektiv würdet ihr benutzen? Wenn das nur für bestimmet Einspielungen gilt, dann schreibt diese bitte dazu.

Falls Möglich, schreibt bitte auch noch dazu, warum dieser oder jener Bruckner so auf Euch wirkt.
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Wer hohe Türme bauen möchte, muss lange beim Fundament verweilen...
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Alt 14.01.07, 16:26   #2 (permalink)
Wolfgang
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Zitat:
Zitat von grintz Beitrag anzeigen
Celi: "weihevoll"
Celibidache, wenn er Bruckner dirigiert, empfinde ich als "weihevoll" und "spirituell".
Das gilt vor allem für die späteren Aufnahmen. Bei vielen Dirigenten stelle ich fest, dass sie mit fortschreitendem Alter ein langsameres Tempo bevorzugen. Das gilt beispielsweise auch für Günter Wand.
Bei mir - allerdings bin ich ein Laie - stelle ich eine ähnliche Tendenz fest...

Bei "unserem" STEP 0001 habe ich festgestellt, dass früher dieser Abschnitt bei Dirigenten wie Furtwängler, Horenstein, Walter und auch Jochum kürzer gestaltet war.
Davis braucht mit dem LSO noch ein bisschen länger als Peter Jan Marthé.
Es gibt noch einen für uns interessanten Vergleich: P.J. Marthé "braucht" mit dem European PO 2006 in St. Florian 4:18 Minuten. Am 18. August 2000 hat er in St. Florian mit der "Jungen Österreichischen Philharmonie" auch die "Neunte" gespielt. Dort dauert dieser Abschnitt 5:00 Minuten - so lang kenne ich das bei sonst niemanden.
Das war übrigens ein Gedächtniskonzert zu Ehren und zum Gedächtnis von Celibidache, der diese Symphonie eigentlich 1996 in Erinnerung an den einhundersten Todestag Bruckners in St. Florian aufführen wollte. Leider verstarb Celibidache wenige Wochen vorher.

Viele Grüße
Wolfgang
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"Wenn die Sonne der Kultur tief steht, dann werfen auch Zwerge lange Schatten." (Karl Kraus)

Geändert von Wolfgang (14.01.07 um 17:00 Uhr).
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Alt 14.01.07, 17:01   #3 (permalink)
Holger Grintz
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Hat "Weihe" denn nur etwas mit dem Tempo zu tun?

und warum ist Naganos Sechste "modern?"

Ich kriege da irgendwie den Dreh nicht. Ich bin froh, wenn ich überhaupt erkennen kann, wo die Unterschiede in den Interpretationen liegen, "Zeit" im absoluten Sinn ist da ja immer ein willkommenes Kriterium
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Alt 14.01.07, 17:13   #4 (permalink)
Wolfgang
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Zitat:
Zitat von grintz Beitrag anzeigen
Hat "Weihe" denn nur etwas mit dem Tempo zu tun?

und warum ist Naganos Sechste "modern?"
Kannst Du Dir einen "weihevollen Gang" vorstellen, bei dem gerannt wird?

Jetzt hast Du die "Schuld", dass ich mir nachher die "Sechste" mit Kent Nagano anhören "muss"....

Viele Grüße
Wolfgang
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Alt 14.01.07, 17:17   #5 (permalink)
Holger Grintz
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Zitat:
Zitat von Wolfgang Beitrag anzeigen
Jetzt hast Du die "Schuld", dass ich mir nachher die "Sechste" mit Kent Nagano anhören "muss"....

Viele Grüße
Wolfgang
Ja, unbedingt :-), und danach bitte die #4
Zitat:
Kegel/Leipzig RSO (1971) - intellektuell angelegt und mit emotionalen Eruptionen realisiert; ein Bruckner-Ereignis
und dann:
#5
Zitat:
Eichhorn/Münchener RSO - aufgenommen in St. Florian und doch keine Weihestunde, sondern eine aufregend menschliche Intrpretation; und das Finale ist absolut unvergleichlich!
.... viel Vergnügen , aber das Widerkommen bitte nicht vergessen
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Alt 14.01.07, 18:44   #6 (permalink)
Wolfgang
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Zitat:
Zitat von grintz Beitrag anzeigen
und danch bitte die #4


und dann:
#5
Die "Vierte" mit Kegel: Kein Problem. Habe ich....

Aber mit dieser "Fünften" hast Du mich auf dem falschen Fuß erwischt: Die habe ich tatsächlich nicht... Eichhorn mit dem Münchener RSO ist mir unbekannt. Ich werde also mal auf die Suche gehen!

Eine meiner Lieblingsaufnahmen der "Fünften" ist mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Riccardo Chailly!

Viele Grüße
Wolfgng
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Alt 14.01.07, 20:50   #7 (permalink)
Wolfgang
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@ grintz

so, jetzt habe ich die "Sechste" mit dem DSO Berlin unter Nagano gehört.
Es ist eine wirklich sehr schöne Aufnahme - sehr tansparent. Besonders das ungeheuer einfühlsam gespielte Adagio hat es mir angetan. Was allerdings daran "modern" sein soll, das habe ich nicht so ganz begriffen.
Überragend ist auch die technische Qualität - so wie man es vom Label "Harmonia mundi" gewohnt ist.

Gruß Wolfgang
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Alt 14.01.07, 21:06   #8 (permalink)
Holger Grintz
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Zitat:
Zitat von Wolfgang Beitrag anzeigen
@ grintz

Was allerdings daran "modern" sein soll, das habe ich nicht so ganz begriffen.

Lieber Wolfgang,

danke für Dein feedback. Das wollte ich hören! Ich habe damals (weil ich wie gesagt recht leicht zu beeinflussen bin) mir auf folgendes Statement eine "best of" Box gebastelt:
Zitat:
00 und 0
Tintner, weil er beide Werke wirklich ernst nimmt.

1
Linzer Fassung
Sawallisch/Bayerisches Staatsorchester - mobilisiert Urkräfte und versteht sich auf G'selchtes mit Kraut und Knödeln
Wiener Fassung
Wand/RSO Köln - beweist, dass diese Fassung nicht kraftlos ist, sondern stramm in Richtung Mahler marschiert.

2
in beiden Fassungen
Eichhorn/Bruckner-Orchester Linz - die Zweite soll schwach sein? Eher wohl ein Experimentierplatz. Spannend in jedem Moment!

3
1873
Nagano/Deutsches SO Berlin - völlig verrückt in Balancen und Temporelationen, eben typisch Bruckner!
1877
Harnoncourt/Amsterdam - man hört jedes Detail in sinnvollem Zusammenhang und begreift, dass dieser Bruckner schlicht und einfach ein Genie war.
1889
Celibidache/München - Weihestunde mit Bruckner, in diesem Fall faszinierend.

4
1874
Dennis Russell Davies/Bruckner Orchester Linz - scharfe Kanten, Rhythmen auf den Punkt gebracht; und kein Inbal'sches Zaudern bei dem seltsamen Scherzo.
1881
Dohnanyi/Cleveland - Romantischer Schönklang eigentümlich gebrochen, wie unter Anführungszeichen, Höhepunkte explosiv, von granitener Härte
1886
Kegel/Leipzig RSO (1971) - intellektuell angelegt und mit emotionalen Eruptionen realisiert; ein Bruckner-Ereignis!

5
Eichhorn/Münchener RSO - aufgenommen in St. Florian und doch keine Weihestunde, sondern eine aufregend menschliche Intrpretation; und das Finale ist absolut unvergleichlich!

6
Nagano/Deutsches Symphonieorchester - so modern ist Bruckner? Ja, oh ja...!

7
Mravinskij/Leningrad - unglaubliche Spannungsbögen und perfekt ausbalancierte Höhepunkte. Meine Referenz-Einspielung!

8
1887 pur
Dennis Russell Davies/Bruckner Orchester Linz - mit viel Intensität realisiert und absolut frei von späteren Zutaten. Achtunggebietend!
1887/1890 Mischfassung nach Haas (1939)
Boulez/Wiener Philharmoniker - wunderbar klar in Form und Klang, herrlich ausbalancierte Bläsersätze; und das Adagio empfindsam ohne Empfindlichkeit.
1890 pur
Svetlanov/Akademisches SO der UdSSR - weiträumig aufgebaut, Steigerungen auf den Punkt gebracht; und das Finale atmet eine Großartigkeit wie in keiner anderen mir bekannten Aufnahme!

9
Fassung mit 3 Sätzen
Mravinsky/Leningrad (1880) - wie soll man das noch in Worte fassen? Diese Aufnahme ist einerseits perfekt durchdacht, andererseits von einer Emotionalität, die die Kehle zuschnürt. Einzigartig!
Fassung mit Finale/Carragan
Talmi/Oslo - aber Vorsicht! Diese Aufnahme ist das kleinste Übel eines großen Übels!
Fassung mit Finale/Samale/Mazzuca/Phillips/Cohrs
Eichhorn/Bruckner Orchester Linz - eine wunderbar sensible Einspielung der ersten drei Sätze wird mit einem faszinierenden Ringen um das Finale ergänzt, dem man anmerkt, wie sehr Eichhorn von der Notwendigkeit dieses vierten Satzes überzeugt war. Konkurrenzlos.
Klar, das sind alles tolle Aufnahmen, aber die Begründungen wollten mir nicht so recht einleuchten, dehalb dieser Thread. Man nimmt vieles einfach so hin, weil es von "oben so verordnet ist", ohne darüber zu reflektieren.

Diese Liste ist übrigens vom "Kulturchef" der Wiener Zeitung, Edwin Baumgartner.
Ich möchte im Verlauf dieses "Forums" mir gerne meinen eigenen Geschmack herausbilden. Vielleicht gelingt es ja
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Holger Grintz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.01.07, 21:21   #9 (permalink)
Wolfgang
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Lieber grintz,
danke für diese Zusammenstellung.
Da ich (fast ) alle Aufnahmen habe, weiß ich ja, was ich in der nächsten Zeit zu tun habe...
Aber Priorität hat natürlich im Moment eine bestimmte "Neunte"...

Gruß Wolfgang
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Alt 14.01.07, 21:33   #10 (permalink)
Holger Grintz
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Zitat:
Zitat von Wolfgang Beitrag anzeigen
Lieber grintz,
danke für diese Zusammenstellung.
Da ich (fast ) alle Aufnahmen habe, weiß ich ja, was ich in der nächsten Zeit zu tun habe...
Aber Priorität hat natürlich im Moment eine bestimmte "Neunte"...

Gruß Wolfgang
Wolfgang , das ist nicht "meine" Zusammenstellung, sondern die von Edwin Baumgartner.

Und wie gesagt, seinerzeit habe ich das als "ultmativ" eingestuft, völlig unreflektiert

Bei einigen Aufnahmen (z.B. Mrav #9) bin ich sogar konform; aber was ich eigentlich sagen wollte:

Müssen wir uns auf Dritte verlassen, um zu erfahren, was wir selber gut finden?

Ich versuche mittlerweile, meine eigene Box zusammenzustellen, und da hilft mir dieses Forum sehr, weil ich dabei bin, "bewusst" zu hören, und dann meinen eigenen Geschmack weiter zu entwickeln. That´s it! Als mündiger "Klassikfan" (und Laie, aber mit zwei Ohren ausgestattet, und demnächst mit einem "Dritten" .
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