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Dirigenten zu Bruckner und Bruckners Werk von Abbado bis Zender, was fällt den Maestros zum Thema Bruckner ein?

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Alt 23.01.07, 14:06   #1 (permalink)
his masters voice
"Bruckners Wesen"
 
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Wand, Günter

"Was mich an Bruckners Werk mit diesen gigantischen Blöcken, aus denen die Architektur seiner Sinfonien geformt ist, auf eine fast irreale Weise bewegt, ist ...etwas wie die Widerspiegelung einer kosmischen Ordnung in dieser Musik, etwas mit menschlichen Maßen nicht Auszumessendes."

(Günter Wand in: Seifert, Wolfgang: Günter Wand: So und nicht anders.
Hamburg 1998, S. 362)

Gruß Wolfgang
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Alt 31.01.07, 11:53   #2 (permalink)
his masters voice
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Neunte Sinfonie in Ottobeuren

" Mir geht beispielsweise ein Konzert des Jahres 1979 (1976?) nicht aus dem Sinn. Da habe ich mit dem Südfunk-Sinfonieorchester in der Benediktiner-Basilika von Ottobeuren die Neunte Sinfonie von Bruckner aufgeführt. Es waren über dreieinhalbtausen Menschen in der Kirche, und es war unerhört eindrucksvoll, wie sie sich da verhalten haben. Das war einer der größten Eindrücke meines Lebens! Man hat geglaubt, in einem vollkommen leeren Raum zu spielen, wo Menschen nicht anwesend sind. Weder bei den Pianissimostellen noch in den Generalpausen dieses ja nicht einfach zu rezipierenden Werkes konnte man irgendetwas vom Publikum bemerken. Und dann war das Stück aus, und man hörte immer noch nichts, absolut nichts. Die Menschen blieben wie gebannt sitzen, dann fingen nach einiger Zeit die Glocken an zu läuten, und die Leute gingen immer noch nicht hinaus.
Die Zeitungen haben später geschrieben, daß sie volle zehn Minuten sitzengeblieben seien - das ist eine enorm lange Zeit -, und nichts, nichts war wahrnehmbar an Bewegung. Das liegt noch gar nicht so lange zurück und hat mich sehr bewegt und beeindruckt."

(Günter Wand in: Seifert, Wolfgang: Günter Wand: So und nicht anders.
Hamburg 1998, S. 499)
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Alt 15.02.07, 18:54   #3 (permalink)
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Festkonzert 1971 - Bruckner VIII

... Auf dem Programm des Festkonzertes (anläßlich seines 25jährigen Dienstjubiläums als Generalmusikdirektor des Gürzenich-Orchesters, März 1971) hatte nur ein einziges Werk gestanden: Anton Bruckners Achte Sinfonie. Die überaus eindrucksvolle Aufführung wurde vom Publikum mit erst nur zögernd einsetzendem, dann aber orkanartigem Beifall gefeiert und von der Presse vielfach als außerordentlich gewürdigt:

"Das macht Wand und seinen Musikern weit und breit so leicht keiner nach", "... atemversetzende Ekstatik des Leisen ... wie kantig aggressiv klang das (Scherzo) ... Im Adagio ereignete sich dann Musik schlechthin, sie kam einfach, war einfach da ... die C-Dur-Kuppel des Finales erglänzte in grandioser >Rheingold<-Nähe, Krönung der monumentalsten Klangarchitektur des vorigen Jahrhunderts."

"Die Tage nach dem Höhenflug mit Bruckners Achter waren in ihrem Absturz in die Leere des Alltags furchtbar. Dieses psychische und physische Ausgehöltsein ist kaum zu beschreiben und nur schwer zu ertragen. Um so dankbarer empfinde ich gerade dann ein Zeichen des Verständnisses oder gar der einfachen menschlichen Zuneigung." (Brief Wand an Hackenberg, Kulturdezernent/Köln 18.03.1971

(Günter Wand in: Seifert, Wolfgang: Günter Wand: So und nicht anders.
Hamburg 1998, S. 340)
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Alt 17.02.07, 14:30   #4 (permalink)
his masters voice
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Non confundar in aeternum

..."Die Auseinandersetzung mit den rhythmischen Urkräften gerader und ungerader Zeitabläufe durchzieht wie ein roter Faden das gesamte Werk Anton Bruckners. Sie spielt in der Erfindung der Themen, in denen Duolen und Triolen gleicher Dauer aufeinander folgen, eine bedeutende Rolle, mehr noch aber als rhythmischer Kontrapunkt, wenn die naturhaft auseinanderstrebenden Kräfte in ihrem Ablauf in den gleichen Zeitabschnitt gebannt werden. Dieser Bruckner ganz eigene rhythmische Dualismus ist es nicht zuletzt, der den gewaltigen Pendelschlag seiner Sinfonik von innen her antreibt und durchglüht.
Hier werden Inhalte deutlich, die weit über den rein rhyhthmisch-musikalischen Bereich hinausweisen. Es ist, als ob dieser Dualismus Symbolkraft hätte für das Unvereinbare in der menschlichen Natur und für die Sehnsucht, es zu überwinden.

Bruckners untrügliches Gefühl für die Abhängigkeit von Zeit und Raum ist der Mörtel, der das Urgestein, aus dem seine sinfonischen Kathedralen errichtet sind, zusammenhält. Die Architektur seiner Musik erwächst ja weniger aus der Entwicklung des Themenmaterials, wie etwa in der klassischen Sinfonik, als aus der klanglich-dynamischen und räumlich-zeitlichen Ausgewogenheit der sich gegenüber stehenden Themenblöcke.

Führt die Konfrontation gerader und ungerader rhythmischer Werte und der Versuch ihrer Verschmelzung im gleichen Zeitablauf zu Ausbrüchen und Erschütterungen, die an vulkanische Eruptionen, ja an kosmische Ereignisse denken lassen, so bewirkt die Verdoppelung und Verdreifachung der Notenwerte, also etwa der direkte Übergang von Achtel-Triolen in Viertel- und halbe Triolen, weniger das Gefühl einer Verlangsamung des Tempos als das einer Erweiterung eines Raumes (Finale der 4. Sinfonie).

Es gibt in Bruckners Musik Perioden, in welchen die Gesetze von Spannung und Entspannung aufgehoben zu sein scheinen. Verschiedene rhythmische Impulse der gleichen Natur überlagern sich, zum Teil im doppelten Zeitlauf. Es entsteht ein merkwürdiges Phänomen: Die tönend bewegte Form wirkt statisch, vergleichbar dem Bild der Sterne am nächtlichen Firmament, die ihre Bahnen ziehen, aber stillzustehen scheinen. Es sind nur Momente, in denen Bruckners Musik in diese Dimensionen eintaucht, etwa in der „Durchführung“ des ersten Satzes der Neunten, aber auch schon bei der mit ppp bezeichneten Engführung im fugierten Finale der Fünften.

Bei alldem hat man nie den Eindruck, diese Auswirkungen rhythmischer Energien seien erdacht oder berechnet, oder handle sich hier um Zeichen besonderer kompositorischer Raffinesse (....), vielmehr erscheint die zwingende Kraft dieser Eingebungen wie naturbedingt, ganz der natürlichen Gestalt und Schönheit der einzigartigen Themen entsprechend.

Die im Vergleich zu den früheren Sinfonien stärkere Schroffheit des Klangbildes der Neunten, manchmal wie eine bewusste Distanzierung wirkend, ist eine Folge größter Konsequenz in der polyphonen Stimmführung, die manches Ohr bei der ersten Begegnung irritiert. Sie ist Ausdruck einer Weltabgewandtheit und inneren Wahrhaftigkeit, die, nach so vielen ekstatischen Visionen jenseitigen Glanzes, auch die abgründigste Dissonanz zu artikulieren fähig ist. Dieser furchtbare Schrei, in dem die Klage der Menschheit über das verlorene Paradies bis an das Ende der Zeiten zu tönen scheint, kann aus sich heraus keine Auflösung, seine Erlösung, finden. Ihm folgt Stille, dann die Hinwendung in die Geborgenheit des Glaubens. Der Klang scheint sich von der Materie zu lösen, und der Puls der Musik schlägt nun bis zum verklärten Ende in der Gewissheit des
NON CONFUNDAR IN AETERNUM."

die zwei Miboeks

(Günter Wand in: Seifert, Wolfgang: Günter Wand: So und nicht anders.
Hamburg 1998, S. 362-364)
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Alt 02.03.07, 21:53   #5 (permalink)
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Bruckner V

... Wenn man die Komponisten- und Werk-Statistik der Kölner Wand-Festschrift von 1974 genau liest, so fällt auf, daß Anton Bruckner mit insgesamt nur vier Werken vertreten ist: der Vierten, Siebenten, Achten und Neunten Sinfonie. Obwohl er heute der Bruckner-Dirigent par excellence ist, hat Günter Wand zu diesem Komponisten, wie er selbst bekennt, erst relativ spät gefunden, trotz starker emotionaler Affinität zu ihm von Jugend auf. Und macher Sinfonie fühlte sich Wand in seiner Kölner Zeit einfach noch nicht gewachsen. Doch seine innere Nähe zu dieser großen Musik und damit seine Disposition zu ihrer werkgerechten Interpretation war früh schon seinem Komponistenfreund Bernd Alois Zimmermann aufgefallen, der ihn immer wieder aufforderte, sich stärker mit Bruckner und insbesondere mit dessen Fünfter Sinfonie auseinanderzusetzen. "Das mußt du machen, das ist doch deine Sinfonie!"

Wand zögerte, weil er sich dieser zyklopischen Architektur, die als strukturell besonders sperrig und auch klanglich schwierig zu realisieren galt, nicht nähern wollte, ehe er sich ihr voll gewachsen fühlte - nicht technisch (das war nie ein Problem für den Dirigenten Wand), wohl aber in der mentalen Umsetzung dieser komplizierten Partitur in lebendigen Orchesterklang.
... Seit 1973 beschäftigte er sich intensiv mit der Sinfonie, studierte er sie auf seine gründliche Art. "Für die >Fünfte< hatte ich mir ein Dreivierteljahr vorgenommen." Als Günter Wand im Januar 1974 Köln verließ, hatte er sie in seinem Gepäck, physisch und geistig. In der Schweiz reift dann endlich die Zeit heran, und die "Fünfte" erwies sich, wie von Zimmermann vorausgesehen, geradezu als Wands "Schicksalssinfonie".
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Alt 05.03.07, 19:25   #6 (permalink)
his masters voice
"Bruckners Wesen"
 
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... Er dirigierte Bruckners "Fünfte" dann - sozusagen "probehalber" - erstmals im Herbst 1974 in einem Konzert des Symphonieorchesters Bern (zum 150. Geburtstag Bruckners); bald darauf stand er zur Aufnahme im großen Sendesaal des Kölner Funkhauses.
Die WDR-Musiker waren beeindruckt und er mit dem Ergebnis so langer Bemühungen zufrieden. An eine Schallplattenveröffentlichung dachte damals niemand. Wand nahm sich vor (und machte es auch wahr), das Werk in der Folgezeit immer wieder neu zu erarbeiten. Er hat es praktisch mit allen Orchestern aufgeführt, die ihn einluden - auch in England und in Japan.
Mit dieser von Mal zu Mal sich weiterentwickelnden Interpretation der Sinfonie Nr. 5 begründete er seinen schnell wachsenden internationalen Ruf als Bruckner-Spezialist.

(Seifert, Wolfgang: Günter Wand: So und nicht anders. Hamburg 1998)
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Alt 18.03.07, 17:35   #7 (permalink)
Holger Grintz
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Wand und Bruckners 1. Symphonie

Auf die Frage eines Journalisten, warum er im Alter die 1. Symphonie nicht mehr dirigiere:
(aus: Günter Wand im Gespräch mit Wolfgang Seifert, Ulmiz 2001, 2002 BMG)
__________________
Wer hohe Türme bauen möchte, muss lange beim Fundament verweilen...
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Alt 25.03.07, 14:17   #8 (permalink)
Wolfgang
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Beiträge: 945
Im Beiheft zur "Günter Wand-Edition" Volume 10 (Bruckner IX. mit dem Radio-SO Stuttgart des SWR) berichtet Wolfgang Seifert, der ja eine bemerkenswerte Wand-Biographie geschrieben hat, über einen Schriftwechsel Wands mit einer jungen Frau:
"Als ihm einmal eine junge Frau aus der Rocker-Szene über ihr erstes Bruckner-Erlebnis schrieb, rührte ihn das umso mehr, als sie auch ihre Ängste vor dieser ihr bislang unbekannten Musik artikulierte: sie fühlte sich derart in diese für sie völlig neue Klangwelt und die von ihr ausgelösten Emotionen hineingezogen, dass sie beim Hören das Gefühl hatte, ins Bodenlose zu fallen. Umgehend schrieb Günter Wand zurück:
"Lassen Sie sich ruhig fallen, bei Bruckner fallen Sie immer nach oben." "
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"Wenn die Sonne der Kultur tief steht, dann werfen auch Zwerge lange Schatten." (Karl Kraus)
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