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Bruckner-Projekte below the line Hier werden Bruckner-Projekte vorgestellt, die mit dem klassischen Konzertbetrieb wenig oder gar nichts zu tun haben, auch eigene brucknernahe Kompositionen sollen hier vorgestellt werden

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Alt 22.12.06, 18:40   #1 (permalink)
Holger Grintz
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Ausrufezeichen Geniestreich oder Sakrileg? eine spannende Auseinandersetzung

for an english version of this introduction text please click the flag :
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Liebe bereits registrierte wie auch zukünftige Forianer, aber auch
Liebe unsichtbare Mitleser!

Ich freue mich, dieses neue Forum mit einem „heißen Eisen“ eröffnen zu können, das schon an anderer Stelle ein heftigst diskutiertes Bruckner-Thema war:

„Die von Peter Jan Marthé vollendete Neunte –
Geniestreich oder Sakrileg?“ - eine spannende Auseinandersetzung


Wie bereits bekannt spaltet der Celibidache-Schüler Peter Jan Marthé mit seiner Leseart der Bruckner-Symphonien die Musikwelt in erbittertste Gegner wie begeisterte Fans.
Deshalb wundert es niemanden wirklich, dass Marthé mit seiner Vollendung der Neunten (Neukomposition des Finales auf der Basis der Brucknerschen Fragmente) sowie deren Uraufführung am 18. August 2006 im Bruckner-Stift St. Florian weltweit eine musikalische Grundsatz-Debatte über die „Legitimität“ einer solchen Tat auslöste und ein mittleres Erdbeben bei den Gralshütern in der Klassik-Branche als auch in der weltweiten Gemeinde der Bruckner-Puritaner provozierte.

Hier nur einige der vielen internationalen Presse-Stimmen zum neuen Marthé-Finale der Neunten:
Zitat:
„Der von den vier Musikwissenschaftlern Nicola Samale, Giuseppe Mazzuca, John A. Phillips und Ben Cohrs aus Partiturfragmenten über viele Jahre hinweg mühsam „restaurierte“ Finalsatz…konnte sich bisher nicht endgültig durchsetzen….
Die Uraufführung der 9. Sinfonie von Anton Bruckner mit dem neu komponierten Finale des österreichischen Dirigenten und Komponisten Peter Jan Marthé wurde am Freitagabend in der Stiftskirche von St. Florian (Oberösterreich) ein großer Publikumserfolg.“ (DPA)

„Eine gelungene nachschöpferische Tat.“ (Ongakugendai, Tokyo)

„Der Finalsatz wirkt stilistisch so brucknerisch, daß man annehmen könnte, er stamme tatsächlich aus dessen Feder.“ (Frankfurter Allgemeine)

„…Musik, die alle bekannten Dimensionen des Brucknerschen Denkens sprengt.“ (Süddeutsche Zeitung)

„…es war eines der bewegendsten und aufregendsten Konzerte, das ich mitzuerleben das Privileg hatte.“ (The Bruckner Journal, London)

In der „Wiener Zeitung“ war dagegen zu lesen:
„Das Ergebnis ist ein aufgepflustertes Nichts…“
Geniestreich oder Sakrileg? Stoff genug also, liebe Forianer, um sich anhand der soeben erschienenen CD - ein Mitschnitt der St. Florianer Uraufführung 2006 - ein eigenes Bild zu machen, um mitreden zu können.
Das Forum der Brucknerfreunde nimmt die Neuerscheinung dieser Neunten als willkommenen Anlass für eine spannende Auseinandersetzung. Jedoch nicht als Streit-Objekt, sondern als eine Musik, deren Faszination und Geheimnis es in hörender Weise (also mit dem „Dritten Ohr“) im Rahmen eines speziellen Workshop-Angebots zu erschließen gilt - vom ersten Urklang-Ton des Beginns bis zum letzten Niedersturz der Oktave in den Ton des Anfangs, mit dem das Finale endet.

Bevor wir gemeinsam mit dieser spannenden Klangreise beginnen - hört Euch die Neunte an - und spart nicht damit, hier im Forum Eure persönliche Eindrücke und Kommentare - ob so oder so - zu posten! Was auch immer Eure Fragen, Zweifel, Probleme hinsichtlich dieser heiß umstrittenen neuen Neunten sind: hier ist der richtige Ort sie zu stellen und zu diskutieren!

Viele Grüsse,

Holger
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Holger Grintz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.12.06, 21:37   #2 (permalink)
Steffen
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Beiträge: 91
Hi Forianer und alle Brucknerfreunde,

unglaublich aber wahr! Ich hab mir die Mühe gemacht, das Booklet zur Neunten abzutippen. Erstaunlich, was da alles so drinnen geschrieben steht. Aber es schafft Klarheit über manches, wo man beim ersten Anhören den Durchblick verliert.
Also für alle, die nur den Download der Marthé-Neunten besitzen und gern mehr wissen möchten: hier das Booklet mit seinem vollständigen Text. Das Ganze ist zwar mächtig lang, aber nützlich - und zeitweise recht provokant. Viel Spaß, Forianer und Brucknerfreunde!




Peter Jan Marthé:

„DA WERDEN SIE SICH GIFTEN!“
ODER DAS GEHEIMNIS EINER VERSUNKENEN KATHEDRALE.
(Anmerkungen zur Neunten mit neuem Finale)


„Es kam über mich die Hand Jahwes und er versetzte mich im Geiste mitten in die Wüste; die war voll toten Gebeins…
Und siehe da, es erhob sich ein gewaltiges Rauschen. Der Odem Jahwes fuhr in es und die ausgedörrten Gebeine rückten eins an das andere heran und wurden lebendig.“
Buch des Ezechiel


DA WERDEN SIE SICH GIFTEN
…meinte Bruckner einmal hinsichtlich seiner Neunten. Ich konnte mir lange keinen Reim auf diese seine Worte machen. Worüber sollten sich Freunde wie Gegner, Experten wie Besserwisser, auf die Bruckner offensichtlich allesamt abzielte, giften? Über etwaige formale oder harmonische Kühnheiten in dieser „dem Lieben Gott“ gewidmeten Symphonie? Was die musikalische und formale Sprache betrifft, so gibt es in der Neunten kaum etwas, das nicht auch schon in seinen anderen Symphonien zu entdecken ist. Also, was meinte dann Bruckner wirklich damit?

Die Bedeutung von Bruckners lakonischem Kommentar zur Neunten, dass sie sich so ziemlich alle giften werden, wurde mir jedoch schlagartig klar, als ich mich im November 2005 längst inmitten der Kompositionsarbeit am Finale befand und sich mir blitzartig das wirkliche Geheimnis dieses Jahrtausend-Werkes offenbarte. Aber davon später.
Meine erste Konfrontation mit der ganzen Problematik von Bruckners nicht vollendeter Neunter lag da bereits zehn Jahre zurück, nämlich im Spätherbst 1995.

Es war kein Geringerer als der inzwischen verstorbene Augustiner Chorherr und legendäre St. Florianer Stiftsorganist Augustinus Franz Kropfreiter - ein Bruckner-Spezialist ersten Ranges ebenso wie ein international erfolgreicher Komponist -, der mich damals mit den von Bruckner selbst hinterlassenen Finale-Fragmenten zur Neunten vertraut gemacht hatte.

Nach eingehender Einsichtnahme in das vorliegende Material teilte ich voll und ganz die Einschätzung Kropfreiters: so schmerzlich diese Erkenntnis für mich persönlich auch damals war, diese losen Skizzenblätter sind das erschütternde Zeugnis eines bereits vom geistig-psychisch-physischen Verfall gezeichneten, schwerstkranken Mannes. Wir beide kamen damals noch zu später Stunde in jenem St. Florianer Wirtshaus, das schon annodazumal zu Bruckners Lieblingsplätzen zählte, überein: vor mir breitete sich in den vorhandenen Finale-Skizzen eine Wüste voll toten Gebeins aus, deren Belebung so gut wie ausgeschlossen war. Also, Finger weg davon! Dona eis requiem.

DAS SAKRILEG
Aber dann kam alles ganz anders. Nach dem überwältigend einhelligen Erfolg der Uraufführung meiner vollständigen Neufassung der Dritten im Rahmen der Brucknertage St. Florian 2005 sah ich mich plötzlich von allen Seiten mit der Aufforderung konfrontiert, mich auch der unvollendeten Neunten anzunehmen. Jedoch nicht nur die Erinnerung an meine Begegnung mit Kropfreiter, sonder auch alle bisherigen, mir inzwischen bekannten Versuche, die Neunte zu „rekonstruieren“, oder gar zu komplettieren bestärkten mich in meinem entschiedenen „Nein“ zu einem derartigen Unterfangen. Ich hatte allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

„Trau di nur! Sperr deine Ohrwaschl auf und schreib oanfoch nieda, wia´s in dir drinnen is. ´s Gwantl dazua host jo dann eh von mir!“ - so lautete die innere Stimme Bruckners, die ich zuerst nur sehr vage, dann aber immer bestimmter vernahm, bis sie einen Grad der Unerbittlichkeit erreichte, die einem Befehl gleichkam.

Natürlich musste ich vorerst für mich abklären: vermochte ich die für eine derartige Herausforderung geradezu halsbrecherische Chuzpe sowie die ebenfalls dafür unerlässliche Demut eines unbefangenen und neugierigen Kindes aufzubringen? Und vor allem: hatte ich den Mut, jedwede „musikwissenschaftlichen“ Skrupel links liegen und mich ganz einfach nur von Bruckners Geist leiten zu lassen? Bruckners innere Stimme war schließlich stärker als alles Wenn und Aber.

VERSUNKENE KATHEDRALE
Natürlich bezichtigten mich sogleich - nachdem sich meine Arbeit am Finale der Neunten herumzusprechen begann - die brucknerianischen Gralshüter der Anmaßung, des Sakrilegs und der Blasphemie wie auch schon im Falle meiner Neufassung der Dritten, aber das vermochte mich nicht mehr im Geringsten anzufechten. Denn plötzlich traf mich beim unablässig wiederholten Lesen und Hineinspüren in die zunächst nicht zu deutenden Finale-Fragmente wie ein Blitz die Offenbarung eines von Bruckner angestrebten Gesamtplanes der Symphonie, der nicht mehr und nicht weniger die Umwertung aller bis dahin geltenden symphonischen Prinzipien bedeutete. Das wirkliche Geheimnis dieser Symphonie stieg in einer unwahrscheinlichen Größe vor meinem geistigen Auge wie eine versunkene Kathedrale aus den Tiefen herauf und stellte meine bisherige Sichtweise Bruckners vollkommen auf den Kopf.
Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, manövrierte Bruckner seine letzte Symphonie auf etwas zu, das bis dato in der gesamten abendländischen Musikgeschichte undenkbar war: eine Symphonie als ein Akt der Initiation.

ERST ERDWÄRTS, DANN HIMMELWÄRTS
Nun hatte ich zwar den Code der Symphonie geknackt, aber das Eigentliche stand mir ja noch bevor. Und so begann ich meine Arbeit am Finale wohl mit ähnlichen Gefühlen wie die Initiatoren des Dresdner Unterfangens, aus einer beängstigend chaotischen Masse von Steinen das Prachtgebilde der im Zweiten Weltkrieg vollkommen zerstörten Frauenkirche hochzuziehen.

Bruckner selbst wusste nur allzu gut, warum diese seine letzte Symphonie auf gar keinen Fall mit dem Adagio schließen kann.
Konfrontiert uns der erste Satz mit der Wucht der uns umfangenden, bedrängenden Urkräfte des Kosmos; schleudern uns im darauf folgenden dämonischen Scherzo die entfesselten Mächte der Unter- und Überwelt in alle nur denkbaren Höhen und Tiefen unserer eigenen Innwelt; führt im Adagio die unbeschreibliche Sehnsucht und die Verzweiflung unsere Seele an die Pforten des Paradieses, um schließlich in dessen letzten Takten den Frieden der Versöhnung mit sich selbst zu erfahren - dann erst sind wir reif für eine neue Weite unseres Lebens. Erst erdwärts, dann himmelwärts - davon sollte also nach Bruckners Intentionen die gesamte viersätzige Neunte erzählen.

AKT DER INITIATION
„Dem Lieben Gott“, so lautete damals Bruckners Widmungsadresse seiner ultimativen Neunten. Was aber Bruckner da „dem Lieben Gott“ in Form der viersätzig geplanten Neunten in Wahrheit anzubieten gedachte, ist nichts anderes als eines der machtvollsten Symbole aller Religionen und Kulturen, aber eben auf musikalischer Ebene - das universelle Kreuz-Symbol als magisches Instrument der Initiation; also der in Gang gebrachte Prozess des Ja-Sagens zum eigenen Leben in all seiner Höhe und Tiefe und Breite und Länge, was immer das auch für jeden einzeln persönlich bedeuten mag.
Bruckners Botschaft der Neunten ist in der Tat ebenso unmissverständlich wie jene der kaum auszulotenden geheimen Initiationsrituale aller Kulturen - von den Ägyptischen Totenbüchern bis hin zu den Initiationsriten der Freimaurer: der Mensch findet sein Heil niemals durch den Glauben aus zweiter Hand, sondern nur durch das persönliche Überschreiten der Schwelle dorthin, wo jenseits aller konfessionellen Glaubenssätze Unter- und Überwelt, Gott und Teufel, Himmel und Hölle auf ihn warten.

Die vollendete Neunte als vierteiliger Akt der Initiation. Das war also das Geheimnis, das Bruckner mit ins Grab genommen hatte - eine Botschaft, die weit über alles hinausgeht, was bisher in Musik gesetzt wurde. Dies nun nach mehr als einem Jahrhundert seit der ersten Niederschrift der Neunten jetzt allen Menschen zugänglich zu machen - ist das etwa Anmaßung, ein Sakrileg oder Blasphemie? Ganz im Gegenteil!

Mit Bruckner teile ich den Glauben, dass die bei uns im Westen allein gültige, alle Bereiche des Lebens durchdringende „materialistische“ Weltanschauung die Sicht auf die wahre Wirklichkeit versperrt. Und diese wahre Wirklichkeit - in krassem Gegensatz zur materiellen Sicht der Dinge - bedeutet nichts anderes, als dass „der Geist unbegrenzt unsterblich ist und weht, wo und wann immer er will“ - gestern wie heute sowie auch in alle Ewigkeit! Ich brauchte also - wie auch schon bei der Dritten - gar nichts anderes tun, als der Griffel in den Händen Bruckners zu sein.

Die Zeit ist in der Tat reif, dass Bruckner sich von einer bisher nicht gekannten Seite offenbart und sich so in die Herzen vieler Menschen spielt, vor allem jener, die bisher noch nicht einmal seinen Namen gekannt haben, geschweige denn seine Musik. Denn niemand anders als Bruckner ist für mich die Musik des Dritten Jahrtausends.

DIE FORMALE GESTALT DES NEUEN FINALES
Bruckner hatte in seinen Finale-Skizzen klar die formale Gestalt dieses Satzes vorgegeben, sodass ich in formaler Hinsicht nur seinen Spuren zu folgen brauchte. Da gab es nichts berauschend Neues: Exposition mit drei Themen, Durchführung mit integrierter Fuge, Reprise und Coda. Basta!

Der vorhandenen Ersten Themengruppe wurde meinerseits ein Intro vorangestellt, die Zweite Themengruppe galt es aus der zwar vorhandenen, jedoch eher nur visionär angedeuteten melodischen Linie kompositorisch auszuspinnen; die unvollständig instrumentierte Dritte Themengruppe wurde von mir entsprechend ergänzt. Die Durchführung ist eine Synthese aus fragmentarischen Vorgaben Bruckners und dem eigenen schöpferischen Nachspüren in eine von Bruckner selbst angedeutete Region voller Kühnheiten. Ab der verkürzten Reprise konnte ich mich nur mehr auf äußerst fragmentarisches Originalmaterial seitens Bruckners stützen. Inmitten der Dritten Themengruppe in der Reprise hat bekanntlich Bruckner selbst endgültig seine Arbeit am Finale abgebrochen.

Das sensationell Neue an Bruckners Konzeption ist aber im Inhaltlichen zu finden: die drei Themengruppen sind im Finale nicht mehr wie früher als drei klug disponierte, kontrastierende musikalische Typen angelegt, sondern diese repräsentieren hier vielmehr drei verschiedene „Stufen“, Ebenen, die wir gleich einer Initiation zu durchschreiten haben - die vorangehende Stufe oder Ebene ist die Bedingung zum Durchschreiten der folgenden.

So wird der offene und aufmerksame Hörer in ein stufenweises Vorwärts- und Aufwärtsschreiten hineingezogen, bis er schließlich in der Coda eine Ebene erreicht hat, die einer fundamentalen Bewusstseinserweiterung gleich kommt. So ist es kein Wunder, dass gerade dieses Finale auf die Coda ausgerichtet ist. Und der Weg dorthin ist der Weg allen Lebens, gleichgültig ob sich das auf das Individuum oder die gesamte Schöpfung bezieht: das Finale macht also über die Magie der Klänge den Weg des Werdens, Suchens bis hin zur ultimativen Offenbarung dessen, was Essenz, Ziel und Sinn der Existenz ist, für jeden nachvollziehbar.

DONNERSCHLAG & ERDENKLÄNGE
Das Finale beginnt mit einer Introduktion. Mit einem fff-Donnerschlag auf dem Ton G reißt uns die Pauke mit erbarmungsloser Gewalt gleich zu Beginn des Satzes aus den Lichtsphären des soeben verklungenen Adagios heraus. So, als würde uns Gott selbst aus dem Himmel werfen, um uns sodann auf der harten Erde wieder zu finden.

Aus diesem einen Ton wird sodann in einer dreifachen Wellenbewegung der Streicher-Pizzicatos - beginnend mit dem kleinsten Intervall einer Sekunde - allmählich der Raum einer ganzen Oktave behauptet.
Nichts wird einem auf dem Weg der Initiation geschenkt, vielmehr hat sich das Individuum den entsprechenden „Raum“ erst selbst zu erschaffen und sodann zu behaupten. Die daran anschließende Erste Themengruppe bietet alles andere als ein stabiles „Hauptthema“. Das thematische Material ist vom Intervall des Tritonus, wie auch von einem für den Verlauf des gesamten Satzes charakteristischen, punktierten Rhythmus geprägt. Es dominiert der Eindruck des Werdens wie am Beginn der Schöpfung, wo die chaotische Materie sich auf eine Ordnung oder ein formgebendes Zentrum hin auszurichten trachtet. Kraftvoll tönende Marschanklänge versuchen sich selbst Mut einzuflößen. Ein Spiel der Kräfte, ein Zündeln mit dem Feuer - ohne jedoch zur Ordnung, zur Stabilität finden zu können. Ja selbst der erste große Höhepunkt des Oktaven-Themas ist kein Ausdruck der Stabilität - ganz im Gegenteil, auch dieses monumentale Thema wird in die energetischen Turbulenzen und Mutationen hineingezogen. Die Zertrümmerung illusorischer Sicherheit erweist sich als der grundlegende Charakter dieser Ersten Themengruppe.

Es ist die Erfahrung, die der Meister von Nazareth in Worte kleidet: die Vögel des Himmels haben ihre Nester, die Füchse haben ihre Höhlen, der Menschensohn (also wir alle!) haben nichts, wohin wir unser Haupt betten könnten. Ein Geschmack von wirklicher Freiheit, zu der wir fortschreiten, wenn wir unseren illusorischen Türmen zu Babel den Rücken gekehrt haben.

Im Gegensatz zu allen vorangehenden Symphoniesätzen gibt es von der ersten zur Zweiten Themengruppe keine Pause oder eine sanfte Überleitung, sondern vielmehr werden wir hineingestoßen. Wir finden uns in einer Sphäre, die sich jeglicher Beschreibbarkeit entzieht: ein punktierter „Melos“ ohne bestimmte Eigenschaften lässt uns die klare Gebirgsluft der Himalaya-Region atmen, als ob es gelte, unseren Geist zu reinigen, damit er andere Wirklichkeiten widerzuspiegeln vermag. Dieses zweite Thema ändert nicht seine Gestalt, wohl aber ständig seine Aura, so als ob eine wunderschöne Prinzessin durch die ständig sich wandelnde Schönheit ihrer kostbaren Kleider nur noch geheimnisvoller wird.

MUSIK WIE EIN LAVASTROM
Wir haben gesucht und gekämpft (Erste Themengruppe), wir haben uns in fremde Regionen vorgewagt (Zweite Themengruppe). Jetzt ist es an der Zeit, dass wir zu Empfangenden werden, indem uns der folgende „Lichtchoral“ (Dritte Themengruppe) mit Energien versorgt, die nicht von dieser Welt sind.

Am Beginn der Durchführung steht das berühmte „Te Deum-Motiv“, eine über die Quint niederstürzende Oktave. Dieses Motiv erfährt jedoch sogleich eine Transformation, die im Verlauf des Stückes immer wichtiger wird: die Oktave wird umgekehrt und steigt nun - im geheimnisvollen pp-Streicherklang - von unten nach oben. Nach dieser Phase des Eintretens in einen mystischen Klangraum (Intonation der Posaunen) ist die weitere Durchführung den großen „Klang-Ritualen“ gewidmet, wie sie alle Urvölker der Erde zu allen Zeiten zelebriert haben, um die Kräfte des Himmels und der Erde zu beschwören und für die Gemeinschaft nutzbringend anzuwenden. Im Mittelpunkt steht dabei das aus der musikalischen Urzelle des gesamten Stückes - ein scharf punktiertes Rhythmus-Modul - gewonnene „Kraft-Motiv“, das einer so eingehenden „Erhitzung“ unterzogen wird, bis sich der energetisch-musikalische Lava-Strom in einer wilden fünfstimmigen Fuge freie Bahn verschafft. Bruckner selbst gibt dieser Fuge in seinen Skizzen eine überraschende, ja beinahe atemberaubende Wendung: nach dem fulminanten Höhepunkt in fis-Moll kippt die Fuge in eine marschartige Sequenz von geradezu haydnisch verspielter Heiterkeit. Aber die latenten unterschwellig rumorenden Kräfte melden sich zurück und führen noch einmal in der Durchführung zu einem gewaltigen Höhepunkt, der unmittelbar in eine äußerst knappe Reprise des ersten majestätischen Themas mündet.

Nach der variierten Zweiten Themengruppe und dem Choral explodiert die Musik in einem gewaltigen archaischen Aufklang einer „Natur-Musik“ im strahlenden C-Dur mit dem nun umgekehrten Oktaven-Thema aus seiner III. Symphonie (das später Richard Strauss für seinen „Zarathustra“ - er hatte Bruckners Dritte selbst dirigiert - als dessen Hauptmotiv verwenden sollte). Dieses „Natur-Thema“ wird kontrapunktiert vom bereits bekannten Te Deum-Motiv. Natur und Spiritualität finden wieder zueinander. Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen.

Zur Coda gibt es so gut wie nichts Brauchbares von Bruckner selbst. Wohl aber hatte Bruckner seine Umwelt wiederholt wissen lassen, wie er sich den Schluss seiner Neunten vorstellte: eine gewaltige Übereinanderschichtung aller wichtigen Themen aus den Symphonien V, VII, VIII und IX. - über allem der strahlende Gesang des „NON CONFUNDAR IN AETERNUM“.

Diesem Wunsch Bruckners habe ich zu entsprechen versucht.
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Steffen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.12.06, 10:28   #3 (permalink)
Holger Grintz
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@Steffen

danke für die Arbeit, ich hoffe, daß das keinen Ärger gibt...
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Holger Grintz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.12.06, 10:30   #4 (permalink)
Holger Grintz
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Norbert schrieb am 06.12.2006 zum Beispiel: (Beitrag Nr. 106572)
Zitat:
Zitat von Norbert
Interessant wäre es für mich zu erfahren, in wieweit die langsamen Tempi durch die Kirchenakustik bedingt sind.
Günter Wands erste Einspielung der 9. mit dem Sinfonieorchester des NDR wurde live aus dem Lübecker Dom mitgeschnitten. Insbesondere beim Scherzo, in dem Wand drei Minuten schneller war als Marthé, geht sehr viel an "Durchhörbarkeit" durch den Nachhall verloren. Stellenweise kann man dem weiteren musikalischen Verlauf kaum folgen, da in lauten Passagen der Nachhall noch nachklingt.

Wichtiger als die Tempofrage scheint mir aber die des Gesamtkonzepts zu sein.
Marthé widmet sich imo eher der "Weihe" als der "Analyse". Es geht ihm eher darum, die Großartigkeit der Musik zu zeigen als die Binnenstrukturen offenzulegen. In sofern ist er interpretatorisch erheblich näher an Giulini als an Schuricht (wenngleich Marthé imo nicht an Giulini heranreicht). Da Bruckner aber beide Interpretationsansätze "verträgt", ist das kein Problem.

Der vierte Satz, um den es hauptsächlich gehen soll, verschreckt zuerst durch den Fortissimo-Einsatz der Pauke, aber dieser Effekt ist gewollt. Vorbei ist es mit der Ruhe und Verinnerlichung, die zum Schluß des Adagios herrscht, "etwas neues beginnt".

Und wie wirkt "das neue"? Ich bin noch zwiegespalten, denn zum einen war Bruckners 9. fast immer nach dem Adagio zu Ende, obwohl Bruckner die Sinfonie dort nicht enden lassen wollte und zum anderen muß sich Marthé natürlich dem stellen, was Bruckner zu Lebzeiten begann aber nicht vollenden konnte und was durch Samale und Kollegen so gut wie möglich rekonstruiert und vollendet wurde.
Ich kann dazu nur sagen: Man muss sich diese 9te öfters anhören

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Alt 30.12.06, 10:33   #5 (permalink)
Holger Grintz
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und hier habe ich noch zwei Statements, ebenfalls vom 06.12.2006, geschrieben von teleton und GislherHH, gefunden:

Zitat:
Zitat von teleton
Hallo Bruckner-Freunde und Marthe-Gegner ,

ich habe mir gestern abend nochmal den neukomponierten Marthe Satz 4 angehört und muß sagen, dass mir die Musik immer besser gefällt.

Inzwischen möchte ich diese an anderer Stelle genannte „Bruckner-Fantasie“ eigendlich mehr losgelöst von Bruckner´s Sinfonie Nr.9 sehen, auch wenn es anders vorgesehen ist.
Marthe hat diesen 30minütigen Satz wirklich sehr brucknernah hinbekommen. Trotzdem kann ich die Einwände von massetto nachvollziehen, wenn er meint Bruckner hätte nicht so viele Phrasen aus anderen Sinfonien wiederholt.
Marthe muste aber zu solchen Mitteln der Wiederholung von Phrasen greifen, damit der Wiedererkennungswert für Bruckner für den Hörer vorhanden ist –
Gratulation für diese Klasse-Musik.

Massetto und Alfred hatten vorher geschrieben das für sie der 4.Satz einen Bruch zu den Sätzen 1.-3. darstellt; das ist Richtig.
Schon der Anfang des 4.Satzes eröffnet eine ganz andere Welt als der Schluß des Adagio es vermuten läßt.
Den Bruch sehe ich aber auch in der Interpretation, die im 4.Satz auf mich gelungen und angemessen wirkt, während die eigendlichen Bruckner-Sätze bei Marthe´s Interpretation stark abfallen.
Inzwischen wurde ja von Norbert und Theophilius ebenfalls zur Sprache gebracht, dass die Kirchenakustik mit ein Grund für die insgesamt langsamen Tempi sind um den Instrumenten wenigsten einigermaßen die Klangentfaltung zu lassen.

Ein Manko der gesamten Aufnahme die Klangqualität, die durch den Aufnahmeort Kirche zu hallig und breiig klingt. Man vergleiche mit anderen Aufnahmen aus Berlin, Wien und Chicago !

Ich würde mir, wie ich schon in meinem Beitrag vom 03.12.06 geschrieben habe, eine detailschärfere Aufnahme davon wünschen.
Zitat:
Zitat von GiselherHH
Hallo,

nun habe ich mir die Aufnahme von Herrn Marthé insgesamt dreimal angehört und dazu noch das von ihm komponierte Finale mit der letzten, auf Tonträger veröffentlichte Fassung Samale, Cohrs u.a. (Wildner) verglichen.

Sätze 1 bis 3:

Vieles, was bisher über die Sätze 1 bis 3 geschrieben wurde, habe ich auch gehört. Marthé bevorzugt eine dunkle, warme Sonorität, er glättet Ecken, mildert Schärfen (insbesondere beim Blech), schafft eine "weihevolle" Atmosphäre, nicht zuletzt durch die von ihm bevorzugten breiten Tempi. Das Orchester spielt, selbst wenn es nicht wirklich erstklassig ist und technisch durch die sehr langsamen Tempi teilweise an seine Grenzen geführt wird, immer sehr engagiert und wirkt nie kalt oder auch nur routiniert.

All dieses Engagement kann aber die Schwächen der Interpretation Marthés nicht verbergen. Denn er versäumt es, die breiten Tempi durch das Setzen von Akzenten zu beleben, so dass diese in der Luft hängen bleiben und unverbunden wirken. Marthé verliert sich oft in sehr schön klingenden Einzelheiten, gerade in den von Streichern dominierten Passagen, wo die treibenden Blechbläser in den Hintergrund treten. Der Augenblick wird ausmusiziert, ein über die Sätze hinausgreifender Spannungsbogen, eine klare Binnenarchitektur des Werkes íst für mich aber nicht erkennbar. Mögen diese Tempi im ersten und drítten Satz noch einigermaßen vertretbar sein, im Scherzo verlieren sie m.E. aber vollends ihren Sinn. Das erschreckend Brutale und Unmenschliche, dieses Wetterleuchten des maschinenhaften 20. Jahrhunderts wird durch Marthés gesofteten Zugriff wie durch einen Weichzeichner zur Unkenntlichkeit entstellt und verliert durch das zäh-dickflüssige Musizieren erheblich an Wirkung und Modernität.

Satz 4:

Der 4. Satz unterscheidet sich nun erheblich von den drei vorangegangenen. Grollend wie ein heraufziehendes Gewitter kündigt er sich in den Pauken an. Die Atmosphäre von Marthés Eigekomposition ist im Vergleich zu der Samale/Cohrs-Rekonstruktion (Wildner) nervöser und aufgeregter, aber für mich dadurch auch weniger aufregend. Während die Rekonstruktion der Wissenschaftler sich durch sehr klare, strenge, ja schroffe Strukturen mit der typisch brucknerischen Themenverarbeitung auszeichnet, nähert Marthé seine Fassung klanglich eher Gustav Mahler an (ein merkwürdig fiebriges Streicherthema bei 4:00, bei 18:45 ahmt er sogar die Ferntrompeten über einem pianissimo spielenden Streicherteppich aus dessen 1. Symphonie nach). Marthé lässt auch in seiner Finalfassung die m.E. notwendige strukturelle Strenge vermissen, viele Details wirken geborgt und aneinandergenäht wie eine Patchwork-Decke (oder, um es vornehmer zu formulieren, "polystilistisch").

Dann ergehen sich die Blechbläser sooft in hervorzuckenden Farnfarenkaskaden, dass man glaubt, jeden Moment müssten Ritter auf ihren turniergeschmückten Pferden heransprengen, so wie man es oft in Hollwood-Mittelalter-Filmen der 30er und 40er Jahre sehen kann. Und nicht nur bei Erich Wolfgang Korngold leiht Marthé, sondern auch bei John Williams, dessen "Star Wars"-Fanfare er ebenfalls imitiert ( 17:48 ). Das mag zunächst effektvoll klingen, verliert aber durch übermäßigen Gebrauch schnell an Wirkung, zumal es mir zu Bruckner so wenig zu passen scheint wie kleine Ziertürmchen und Erker zu einem mittelalterlichen Bergfried.

Gegen Ende hin wird es noch einmal spannend. Marthé zitiert, wenn ich richtig gehört habe, aus den vorangegangenen Sätzen der 9., aus der 5., der 7. (Adagio, leider mit Becken und Triangel) sowie der 8. Symphonie (Finale), um die von Bruckner wohl angestrebte Überlagerung von 4 Themen herzustellen, wobei sich bei mir durchaus eine gewisse Gänsehaut eingestellt hat. Für mein Empfinden sackt das kompositorische Niveau dann (28:37) aber ziemlich ab, der Bruckner wird formelhaft und banal (das "da-da-daa-daa"-Blechbläser-Thema), zumal unterstützt durch das nervige Gebimmel der Triangel.

Insgesamt für mich eine durchaus anhörbare Version der 9. Symphonie, die sehr plakativ und süffig daherkommt wie ein fruchtiger Rosé, den man in großen Schlucken im heißen provencalischen Sommer trinkt. Vor Ort sicher ein schönes und bewegendes Erlebnis. Wenn die Aufnahme allerdings ihres Eventcharakters entkleidet und sie nüchtern mit anderen Eispielungen verglichen wird, erlebt man aber, fürchte ich, ähnliche Enttäuschungen wie bei mitgebrachten Urlaubsweinen, die zuhause gar nicht mehr so gut schmecken wie in den sonnigen Gefilden des Südens.
Mein Kommentar:
Den Vergleich mit den Urlaubsweinen finde ich sehr gelungen :-)
Was teleton zur Klangqualität der CD schreibt, empfinde ich nicht so, aber evtl. bin ich da nicht anspruchsvoll genug, oder meine Musikanlage ist nicht fein genug, um so etwas herauszuhören.

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Alt 30.12.06, 21:01   #6 (permalink)
Feuervogel
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Hallo Forianer,
das ist ja alles hoch interessant, was ich da lese.
Hat eigentlich schon jemand von euch diese heiß diskutierte Neunte gehört?
Liebe Grüße, Feuervogel
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Alt 31.12.06, 11:23   #7 (permalink)
uhlmann
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hallo,

natürlich habe ich sie gehört - sowohl live in st.florian als auch von cd.
ich muss feststellen, dass mir das konzert damals nicht so besonders gefallen hat. die tempi waren mir viel zu breit und die akustik in der kirche ist einem transparenten klangbild, das ich schon ganz gern habe, nicht gerade zuträglich. heute nach mehrmaligem hören der cd gefällt mir das ganze deutlich besser. ich glaube, dass ich für einen derartigen ansatz einfach mehrere durchgänge und die ruhe der eigenen 4 wände brauchte. die aufnahme der "regulären" neunten wird sicher nicht meine lieblingsaufnahme, das finale finde ich aber richtig gut.

ich stell hier mal die beiträge, die ich im tamino geschrieben habe, rein. ich hoffe ja doch stark, dass ich hierfür das copyright habe:

vom 02.12.2006:
ich hab die symphonie nun 2x von cd gehört - und beim konzert in st. florian war ich damals auch. meine gedanken über das finale poste ich erst später, das will ich mir noch ein paar mal genehmigen, bovor ich mich äußere.

ich will zunächst mal auf die "herkömmliche" bruckner 9 (sätze 1-3) in marthé's interpretation eingehen. kurz gesagt: marthé's ansatz (seeehr langsame tempi) ist nicht uninteressant, und manchem mag das gefallen, für mich ist das aber nicht der bruckner, wie ich ihn hören will.

vor allem im 1. satz gelingt es marthé einfach nicht, den großen bogen zu spannen. wie schon masetto schreibt, fehlen einfach die nötigen akzente, das ganze plätschert irgendwie so dahin. ein schönes beispiel ist die erste steigerung: wo andere die einzelnen passagen durch kleine pausen akzentuieren, geht marthé hier einfach "gerade" drüber. gewiss sind einige details ganz schön gemacht (z.b. die coda kommt sehr atmosphärisch), aber im gesamten ist das doch eher stückwerk. besonders zäh ist das scherzo. der stapfende rhythmus wirkt wie in zeitlupe abgespielt. so ein tempo geht naturgemäß auf kosten der koheränz - damit kann ich gar nichts anfangen. überraschend ist das recht zügige tempo im trio. am besten gefällt mir das adagio. hier stört mich das tempo auch nicht wirklich, und marthé gelingt durchaus ein satz aus einem guss. mit schöner atmosphäre und gut herausgearbeiteten steigerungen. so kanns ja auch gehen.
positiver als vom konzert in erinnerung empfand ich das spiel des european philharmonic. die akustik in der basilika hat doch so manche akzentuierung zugedeckt, die man auf der cd hören kann (oder bin ich nur in einem "loch" gesessen?).

natürlich kann ich jeden verstehen, der diese aufnahme mag, denn marthé hat zu bruckner schon was zu sagen. nur das ist halt mit meiner vorstellung nicht ganz kompatibel.


vom 05.12.2006:
nachier nun meine gedanken zum finale. ich möchte betonen, dass ich kein finale der 9. kenne, ich also völlig "blank" an die musik herangehen muss und nicht weis, was von bruckner selber oder von herrn marthé ist (was mir aber eigentlich auch wurscht ist).

gleich worweg: der satz ist imo sehr gut gelungen. und dass er nicht nach bruckner klingt, wie edwin im anderen thread geschrieben hat, kann ich nicht betätigen. im gegenteil, ich hatte an vielen stellen den eindruck, dass bruckner das so oder zumindest so ähnlich geschrieben hätte.

super gelungen finde ich den einstieg. marthé erzeugt eine große spannung, die richtig dämonisch wirkt und sofort lust auf mehr macht. schön gemacht, sowohl kompositorisch als auch dirgentisch, sind auch die meisten steigerungen. bestes beispiel hierfür ist der schluss: ab ca. min. 25 baut sich 5 minuten lang eine riesige steigerung bis zur finalen apotheose auf, das hat wahrlich bruckersche dimensionen. der beginn dieser passage mit seiner gespenstischen ruhe erinnert ein wenig an die coda des ersten satzes.
recht brucknerisch wirken auch manche ruhige passagen: z.b. min. 8-10 – ruhiger teil mit pizzicato-streichern und anschließendem accelerando und erscheinen des hauptthemas (cool gemacht, herr marthé).
leicht banal sind manche bläser-einschübe. z.b. bei min. 11:05 – holzbläser skandieren das stapfende motiv, oder ca. min. 18:40 – bläsereinwürfe, die atmosphärisch wirken sollen, aber irgendwie aufgepickt sind. und der unmittelbare schluss erinnert mit seiner abwärtsbewegung etwas zu sehr an dem der achten.
im gesamten ist dies trotz kleinerer schwächen doch ein finale, das bruckner würdig ist.

interpretatorisch fällt auf, dass marthé im finale bei weitem nicht mehr die lethargie der ersten 3 sätze (v.a. sätze 1 u. 2) aufkommen lässt. im gegenteil – das tempo wirkt hier recht zügig, keine spur von celibidacher langsamkeit.

bleibt mein resumee: mir gefällt dieses finale. kompliment, herr marthé!


greetings, uhlmann
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Alt 31.12.06, 13:58   #8 (permalink)
Steffen
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Beiträge: 91
Zitat:
Zitat von uhlmann Beitrag anzeigen
...ich stell hier mal die beiträge, die ich im tamino geschrieben habe, rein. ich hoffe ja doch stark, dass ich hierfür das copyright habe...
Nach meinem Informationsstand kann einem niemand das (uneingeschränkte) Zitieren von Texten untersagen, die im Internet gepostet wurden! Man braucht sich also keineswegs in seiner Kreativität des Zitierens einschüchtern zu lassen.

Was die Neunte betrifft. Mir ist schon in der "anderwärts" geführten Diskussion (eh schon wissen!!!...der Einfachheit halber ist alles hier nachzulesen: http://www.tamino-klassikforum.at/th...?threadid=4350 ) aufgefallen, dass hinsichtlich der "langsamen" Tempi keine anderen Dirigenten die Fans so spalten wie Marthé und Celibidache. Woran liegt das?

Umgekehrt meine ich noch nirgends gelesen zu haben, dass irgendetwas als "zu schnell" befunden würde.

Gibt´s da vielleicht Hinweise bei Bruckner selbst, was die grundsätzliche Frage des Tempos betrifft?
__________________
CARPE DIEM!
Steffen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 31.12.06, 15:04   #9 (permalink)
uhlmann
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Benutzerbild von uhlmann
 
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Ort: Linz
Beiträge: 74
Zitat:
Zitat von Steffen Beitrag anzeigen
Umgekehrt meine ich noch nirgends gelesen zu haben,
dass irgendetwas als "zu schnell" befunden würde.
gelesen weis ich jetzt ad hoc nicht.

aber wenns um "zu schnell" geht, fällt mir spontan norrington mit seiner dritten ein. wie der durch den ersten satz hetzt, ist unglaublich (18:48 min. gegenüber 30:34 bei tintner!). das wird der größe der bruckner'schen musik imo nicht wirklich gerecht.

was marthé und celibidache betrifft: dass die wegen der langsamkeit kritisiert werden, liegt wohl daran, dass sie halt auch die langsamsten sind. von marthé kann ich das nicht 100%ig sagen, da kenn ich nur die neunte, aber celibidaches tempos sind langsamer als alles, was ich sonst kenne.

es ist bei solch extremen ansätzen wohl immer so, dass diese die hörerschaft besonders polarisieren. da gibt es die fanatischen anhänger, und andererseits die erbitterten gegner. ich für meinen teil stehe dem ganzen eher nüchtern gegenüber. ich kann verstehen, dass jemand das mag, nur wie ich schon geschrieben habe, ist es mit meiner vorstellung von bruckner nicht ganz kompatibel.

greetings, uhlmann
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Alt 02.01.07, 16:04   #10 (permalink)
Holger Grintz
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Beiträge: 2.362
Zur Tempifrage

Ich muss gestehen, daß ich mir über die Tempi im absoluten Sinn (also Tracklängen, Dauer in Minuten und Sekunden) bisher wenig Gedanken gemacht habe.
Seit Jörg Kachelmann gibt es einen tollen Begriff in der Meteorologie, dieser Begriff lautet "Windchill" (oder so ähnlich), gemeint ist damit die "gefühlte Temperatur", es kann ergo bei 10 Grad Celsius mit dem richtigen Wind dabei das Gefühl entstehen, daß es nur 2 Grad über Null sind, bei Fön können es aber auch 15 Grad sein.

So ist es bei mir mit den Tempi auch. Zu langsam oder zu schnell gibt es nicht, wenn der "chill" stimmt.

Es gibt irgendein überliefertes Zitat von Bruckner, ich erinnere mich aber nicht an den Wortlaut, wo er sinngemäss gesagt haben soll, daß es eigentlich nie langsam genug sein kann. Vielleicht kann mir da jemand auf die Sprünge helfen?
__________________
Wer hohe Türme bauen möchte, muss lange beim Fundament verweilen...
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