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Anton Bruckner IX. Finale - nachgefragt! Hochkaräter aus der "Brucknerszene"melden sich zu Wort

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Alt 15.05.07, 07:15   #1 (permalink)
Holger Grintz
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Idee Simone Young



Die Dirigentin Simone Young ist Seit August 2005 Intendantin der Staatsoper Hamburg und Hamburgische Generalmusikdirektorin des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg.

Das "Dritte Ohr" (HG) hat Simone Young am 15. Mai 2007 interviewt, und dabei unter anderem die "Gretchenfrage" gestellt.
Hier das vollständige Interview:

******************************
Frage:
Frau Young, die erste CD aus dem geplanten Bruckner-Zyklus ist seit April dieses Jahres mit großem Erfolg in den Regalen der Geschäfte und der Brucknerfreunde.
Was hat Sie dazu bewegt, die Erstfassungen einzuspielen, und wie wird dieser Zyklus weitergehen?

Simone Young:
Ich finde die Erstfassungen von den Brucker-Sinfonien sehr viel überzeugender und kühner als die späteren Revisionen. Wir hören dort das, was er schreiben wollte. Bruckner hat die Revisionen immer vorgenommen, weil sie von ihm verlangt wurden. Das ist der Unterschied zu z.B. Mahler, der immer aus eigenem Antrieb an seinen Werken weitergearbeitet hat.
Diese Erstfassungen der Bruckner-Sinfonien sind für ihre Zeit von völlig neuen Proportionen und teilweise „merkwürdigen“ Harmonien geprägt. Ich mache jetzt grundsätzlich die Bruckner-Sinfonien in den Erstfassungen, zumindest von den vier Sinfonien, deren Erstfassungen signifikant anders sind, als die späteren Fassungen. Das sind die Sinfonien II., III., IV. und VIII.

Frage:
Ist das zugleich die Reihenfolge der zu erwartenden CD-Einspielungen?

Simone Young:
Ja, richtig, die Dritte ist bereits im letzten Herbst produziert worden und wird in diesem Herbst in die Läden kommen. Die Vierte steht für die nächste Spielzeit auf dem Programm.

Frage:
Das bedeutet, dass der Zyklus mit der Achten abgeschlossen wird, ergo nur aus diesen vier Symphonien in der jeweiligen Erstfassung besteht?

Simone Young:
Ja, das ist zunächst genau so geplant. Aber dann schauen wir mal weiter. Wenn sich der Erfolg weiter fortsetzt, dann kann ich mir auch gut vorstellen, dass auch die anderen Sinfonien folgen werden.

Frage:
Haben Sie sich in diesem Zusammenhang schon Gedanken gemacht, in welcher Form Sie die IX. Symphonie zu Gehör bringen würden?

Simone Young:
Ich habe zwischenzeitlich alle Bruckner-Symphonien dirigiert, mit Ausnahme der I. und der sogenannten „Nullten“.
Ich finde die vervollständigte Fassung von der IX. auch nicht richtig. Bruckner hat diesen Satz nicht fertig gestellt, und hat selber gesagt, man solle die Neunte mit seinem Te Deum beenden, wenn man unbedingt noch einen Schlussatz haben wollte.

Frage:
Das Forscher- und Musiker-Team spricht ja von enormen Durchbrüchen, und inzwischen sogar von einer „ultimativen“ Version. Ihr Kollege Markus Bosch wird mit dieser Partitur Ende Mai eine viersätzige IX. in Aachen aufführen. Wäre das eine denkbare Alternative für Sie?

Simone Young:
Das muss am Ende jeder für sich entscheiden. Ich würde beim derzeitigen Stand der Forschungen eine dreisätzige oder eine dreisätzige mit Te Deum machen. Ich mache auch keine X. Mahler. Ich dirigiere grundsätzlich auch keine Turandot. Da bin ich konsequent.

Frage:
Wie stehen Sie zu „Nachkompositionen“ des Finalsatzes, also zu Neukompositionen mit oder ohne Verwendung der Fragmente?

Simone Young:
Ohne so etwas gesehen oder gehört zu haben kann ich dazu nichts sagen. Manchmal hat so etwas für sich betrachtet schon Wert, aber als Prinzip; eher nein. Da sollte man in der Musik oder in der Kunst allgemein aber nicht in schwarz-weiss denken.

Frage:
Sie haben vielleicht unseren Bruckner-Kalender gesehen, in dem wir wichtige Konzerttermin eintragen. Diese Liste wäre vor 10-15 Jahren wohl nicht so lang gewesen, glauben Sie, daß Bruckner bei uns angekommen ist?

Simone Young:
Ich glaube schon. Die 80er-90er Jahre waren die Mahler-Jahre. Und jetzt gibt es eine Reihe von Dirigenten, die sich mit Bruckner auseinandersetzen, sich die verschiedenen Fassungen anschauen, es scheint mir so ein wenig ein „Aufwachen“ dabei zu sein, bei Bruckner.

Frage:
Gestatten Sie mir einen „virtuellen Blick“ in Ihren CD-Schrank?

Simone Young:
Da gibt es einige, die mich immer sehr beschäftigen. Ich kam eigentlich zu Bruckner über die Arbeit von Daniel Barenboim, er knüpft für mich direkt an die Tradition von Furtwängler an. Und dann höre ich mir, immer wenn es eine solche gibt, Aufnahmen von Schuricht an. Er war ein großartiger Bruckner-Dirigent und viel zu wenig bekannt.
(auf Nachfrage)
Die Tonqualität bzw. die Aufnahmequalität interessiert mich bei diesen CDs nicht, mich interessiert was die Interpreten musikalisch machen. Da kann ich mir auch ganz locker die alten Furtwängler-Ring-Aufnahmen anhören, die live aufgenommen wurden. Hier bekommt man auch vom Bühnengeschehen noch etwas mit. Diese Aufnahmen sind sehr authentisch, weil daran auch nicht viel herum geschnitten wurde.

Frage:
Wie haben wir uns Simone Young vorzustellen, wenn Sie eine CD hört? Sitzen Sie mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, oder hören Sie auch „nebenbei“?

Simone Young:
Das ist sehr unterschiedlich, es hängt davon ab, was ich gerade tue. Ich höre meistens Wagner, wenn ich Bruckner studiere, und umgekehrt. Ich habe zum Beispiel letzte Woche zum ersten Mal die VIII. gemacht, in der Urfassung. Leider sind die meisten Aufnahmen, die ich als Interpretationen sehr gerne mag, von anderen Fassungen. Ich höre mir dann verschiedene CDs an, denn da gibt es Bandbreiten von Interpretationen, auch innerhalb der einzelnen Fassungen. Es fasziniert mich, da gibt es z.B. bei einem 20-Minuten-Satz Zeitunterschiede von mehr als drei Minuten, und das hat nicht nur mit Tempo zu tun, sondern auch mit Struktur.

Frage:
Was findet sich außer Bruckner und Wagner in Ihrem CD-Schrank?

Simone Young:
Da gibt es sehr viel, bei der letzten Zählung kam ich auf ungefähr 1.400 CDs. Da ist alles Mögliche dabei, allerdings auch sehr Vieles, das mit meiner Arbeit verbunden ist. Ich habe früher, wenn ich schnell etwas lernen musste, mir immer eine Reihe CDs angeschafft. Ich habe aber vor allen Dingen viele historische Aufnahmen in meiner Sammlung, also Aufnahmen aus den 40er-50er Jahren.

Frage:
Und welche dieser 1.400 CDs würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?

Simone Young:
Wenn es eine Bruckner-Aufnahme sein soll, dann Barenboims VII. mit den Berlinern, generell meine Wagner CDs mit dem Dirigenten Alexander von Muralt.

Herzlichen Dank, Frau Simone Young, für dieses Gespräch!

***********************************************
Holger Grintz ist offline  
Alt 15.05.07, 17:47   #2 (permalink)
Holger Grintz
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Anmerkungen/Kommentare/Fragen zu diesem Interview bitte hier: KLICK

CD-Besprechung beim "Dritten Ohr": http://www.brucknerfreunde.at/forum/...one-young.html

aktueller CD-Tipp:Simone Young Bruckner 2 Erstfassung
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