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Zitat von GiselherHH Hallo,
nun habe ich mir die Aufnahme von Herrn Marthé insgesamt dreimal angehört und dazu noch das von ihm komponierte Finale mit der letzten, auf Tonträger veröffentlichte Fassung Samale, Cohrs u.a. (Wildner) verglichen. Sätze 1 bis 3:
Vieles, was bisher über die Sätze 1 bis 3 geschrieben wurde, habe ich auch gehört. Marthé bevorzugt eine dunkle, warme Sonorität, er glättet Ecken, mildert Schärfen (insbesondere beim Blech), schafft eine "weihevolle" Atmosphäre, nicht zuletzt durch die von ihm bevorzugten breiten Tempi. Das Orchester spielt, selbst wenn es nicht wirklich erstklassig ist und technisch durch die sehr langsamen Tempi teilweise an seine Grenzen geführt wird, immer sehr engagiert und wirkt nie kalt oder auch nur routiniert.
All dieses Engagement kann aber die Schwächen der Interpretation Marthés nicht verbergen. Denn er versäumt es, die breiten Tempi durch das Setzen von Akzenten zu beleben, so dass diese in der Luft hängen bleiben und unverbunden wirken. Marthé verliert sich oft in sehr schön klingenden Einzelheiten, gerade in den von Streichern dominierten Passagen, wo die treibenden Blechbläser in den Hintergrund treten. Der Augenblick wird ausmusiziert, ein über die Sätze hinausgreifender Spannungsbogen, eine klare Binnenarchitektur des Werkes íst für mich aber nicht erkennbar. Mögen diese Tempi im ersten und drítten Satz noch einigermaßen vertretbar sein, im Scherzo verlieren sie m.E. aber vollends ihren Sinn. Das erschreckend Brutale und Unmenschliche, dieses Wetterleuchten des maschinenhaften 20. Jahrhunderts wird durch Marthés gesofteten Zugriff wie durch einen Weichzeichner zur Unkenntlichkeit entstellt und verliert durch das zäh-dickflüssige Musizieren erheblich an Wirkung und Modernität. Satz 4:
Der 4. Satz unterscheidet sich nun erheblich von den drei vorangegangenen. Grollend wie ein heraufziehendes Gewitter kündigt er sich in den Pauken an. Die Atmosphäre von Marthés Eigekomposition ist im Vergleich zu der Samale/Cohrs-Rekonstruktion (Wildner) nervöser und aufgeregter, aber für mich dadurch auch weniger aufregend. Während die Rekonstruktion der Wissenschaftler sich durch sehr klare, strenge, ja schroffe Strukturen mit der typisch brucknerischen Themenverarbeitung auszeichnet, nähert Marthé seine Fassung klanglich eher Gustav Mahler an (ein merkwürdig fiebriges Streicherthema bei 4:00, bei 18:45 ahmt er sogar die Ferntrompeten über einem pianissimo spielenden Streicherteppich aus dessen 1. Symphonie nach). Marthé lässt auch in seiner Finalfassung die m.E. notwendige strukturelle Strenge vermissen, viele Details wirken geborgt und aneinandergenäht wie eine Patchwork-Decke (oder, um es vornehmer zu formulieren, "polystilistisch").
Dann ergehen sich die Blechbläser sooft in hervorzuckenden Farnfarenkaskaden, dass man glaubt, jeden Moment müssten Ritter auf ihren turniergeschmückten Pferden heransprengen, so wie man es oft in Hollwood-Mittelalter-Filmen der 30er und 40er Jahre sehen kann. Und nicht nur bei Erich Wolfgang Korngold leiht Marthé, sondern auch bei John Williams, dessen "Star Wars"-Fanfare er ebenfalls imitiert ( 17:48 ). Das mag zunächst effektvoll klingen, verliert aber durch übermäßigen Gebrauch schnell an Wirkung, zumal es mir zu Bruckner so wenig zu passen scheint wie kleine Ziertürmchen und Erker zu einem mittelalterlichen Bergfried.
Gegen Ende hin wird es noch einmal spannend. Marthé zitiert, wenn ich richtig gehört habe, aus den vorangegangenen Sätzen der 9., aus der 5., der 7. (Adagio, leider mit Becken und Triangel) sowie der 8. Symphonie (Finale), um die von Bruckner wohl angestrebte Überlagerung von 4 Themen herzustellen, wobei sich bei mir durchaus eine gewisse Gänsehaut eingestellt hat. Für mein Empfinden sackt das kompositorische Niveau dann (28:37) aber ziemlich ab, der Bruckner wird formelhaft und banal (das "da-da-daa-daa"-Blechbläser-Thema), zumal unterstützt durch das nervige Gebimmel der Triangel.
Insgesamt für mich eine durchaus anhörbare Version der 9. Symphonie, die sehr plakativ und süffig daherkommt wie ein fruchtiger Rosé, den man in großen Schlucken im heißen provencalischen Sommer trinkt. Vor Ort sicher ein schönes und bewegendes Erlebnis. Wenn die Aufnahme allerdings ihres Eventcharakters entkleidet und sie nüchtern mit anderen Eispielungen verglichen wird, erlebt man aber, fürchte ich, ähnliche Enttäuschungen wie bei mitgebrachten Urlaubsweinen, die zuhause gar nicht mehr so gut schmecken wie in den sonnigen Gefilden des Südens. |